Selected authors share their theoretical discussion and examination about the exhibition’s concept and development. Furthermore, news from the exhibition rooms will be published here

Basically it’s a game

May 12th, 2014Author:

[…] Die Leibhaftigkeit des gedruckten »Greif« ist Alpha und Omega des Projektes (einer wunderbaren Website zum Trotz, die als riesiges Archiv und ständig wachsendes Wunderkammernetz fungiert). Die Greifer sind knapp unter 30 Jahre jung, gehören also zur letzten Generation, für die Telefone und Kameras unterschiedliche Apparate waren. Sie erinnern sich noch an den leicht säuerlich-scharfen Geruch von Dunkelkammern, an die umgebauten Waschküchen und an Silberbromidabzüge, handgemachte Unikate. Der Gründungsimpuls zu „Der Greif“ aber kam von einem digitalen Screen. Was schon die Surrealisten als Programm ausgerufen hatten – die Schönheit zufälliger Begegnungen – findet auf Monitoren dauernd statt, wenn mehrere Bildfenster gleichzeitig geöffnet sind. Nach einer solchen absichtslosen Visualverkuppelung haben die beiden »Der Greif«-Gründer Simon Karlstetter und Felix von Scheffer einem Impuls nachgegeben, den viele Fotografen kennen: Bilder auf Papier bringen, sie anfassbar machen. Kumpels und Kommilitonen stiegen ein, das Ganze war eine gute Mischung aus kollektivem Stress und kollektivem Spaß, eine Art gehobener Studenten-Gaudi mit Kunstanspruch. Daraus ist nach sieben Ausgaben in fünf Jahren ein etabliertes Magazin mit 2.500 (!) verkauften (!) werbefreien (!) Exemplaren geworden.
Für solch einen Langstreckenerfolg braucht es vor allem ein gut eingespieltes Team. Die Greifer sind immer noch leidenschaftlich bei der Sache. Sie referieren mit leuchtenden Augen über Susan Sonntag und Taryn Simon und Found Footage und Dekontextualisierung und Prozesshaftigkeit; aber sie schreiben auch neue Software, wenn sie welche brauchen, sie organisieren verlässlich einen Monate währenden Arbeitsprozess, sie treiben Sponsoren auf. […] Die Hauptsache aber ist: eine wagemutige Rekombination fotografischer Bilder, in deliktater Balance zwischen vieldeutig und beliebig, von Seite zu Seite neu gelayoutet.

Buchstäblich genommen, ist dieses Verfahren analytisch, sprich: auflösend. Die dokumentarischen Anteile der Fotografie verdunsten in der Reibung, die beim Kontakt der vorher unverbundenen Bilder entsteht. So destilliert »Der Greif« aus visuellem Rohmaterial neue Bedeutungen, Verweise, Beziehungen. Nochmal buchstäblich genommen, betreiben die Experimentatoren dabei pure Theorie, zu Deutsch: Betrachten, Anschauen.

Traurig, was aus Analyse und Theorie ansonsten so geworden ist – verkopftes, unanschauliches Posing mit Begriffsgetümen. Warum denken bloß alle, dies müsse das glatte Gegenteil sein von Poesie, wie sie in »Der Greif« gedeiht. Wo doch poetisch nichts weiter heißt als schöpferisch, und was wäre eine passendere Wahlverwandtschaft für analytische Theoretiker als Poeten?

Womöglich wäre das dann der Sinn der ganzen »Greif«-Übung: Ihre, werter Leser, unsere, meine Begriffe durchzurütteln: Die Begriffe von dem, was schlüssig ist und beliebig, was kreativ und was gesampelt, bedeutsam und belanglos, betrachtend und schöpferisch, was die Welt zerlegt, zusammenfügt, erklärt, deutet, verrätselt. […]

Das ist ein Ausschnitt aus Andreas Langen’s Text »Basically it’s a game«. Der gesamte Text wird in der Buch-Publikation, die in Verbindung mit »A Process« erscheinen wird, vollständig abgedruckt. Englische Übersetzung folgt.