Selected authors share their theoretical discussion and examination about the exhibition’s concept and development. Furthermore, news from the exhibition rooms will be published here

Der Stein der Weisen

May 4th, 2014Author:

Wall 2014/04/27 18/10/18 – April 27th, 2014 at 19:45

Ein blondes Mädchen, das siegreich ihre Hände faltet. Nicht zu einer Raute, aber doch zeichenhaft. Ihr Haar prophezeit einen Sturz, sie wird hinfallen auf einen glatten harten Boden. In ihrer gefalteten Hand ein splinter, der sich bei dem Sturz tiefer in ihre Haut schiebt. Der auch Splitter heißen könnte oder ein Faustkeil ist, der Mama heißt. Tätowierte Wimpern klimpern und das wird nicht gesehen, sondern gehört. Wie man den Wind hören kann. Oder das Geräusch, wenn ein Faustkeil auf den Boden fällt und zerspringt. Nach so vielen Jahren seiner Erhaltung. Im Blick des blonden Mädchens findet sich keine Erschütterung, sondern Stolz. Stolzer Fels in der Brandung. Horizontal kollidiert mit Senkrecht. Fallen mit Steigen. Zusammengehörigkeit mit Ausschluss. Diesseits mit Abseits. Stein als Faustkeil. Faustkeil als Stein. Stein der Weisen.

Gleichwohl Bilder das Potenzial magischer Wirksamkeit in sich tragen, entfalten sie ihren Zauber erst in der Konfrontation mit anderen Bildern oder Texten. So stellte sich heraus, dass die Magie, insbesondere im Sinne einer Lebendigkeit oder eines Eigenlebens der Bilder, vielmehr zwischen den Bildern zu verorten ist. Dieses Phänomen ist gerade in der Ausstellung A Process zu beobachten. Sichtet man die seit dem 02.04.2014 entstandenen Combinations, so lässt sich ein einstimmiger Gestus des Zusammenstellens rückverfolgen. Alle Konstellationen folgen einer ähnlichen Logik: Kombiniert werden Bilder, die keine offensichtliche Ähnlichkeit besitzen. Die sich dem Augenschein widersetzen. Die möglicherweise sogar am weitesten voneinander entfernt liegen. Differenzen dominieren Ähnlichkeiten. Und sie bieten die Möglichkeit, in ihrer Unklarheit Bedeutung der Bedeutung wegen zu erzeugen. Denn Bilder, die unterschiedlichen Logiken folgen, kommen einander nicht in die Quere, sie stehen sich nicht im Weg, insofern sie sich dem Vergleich auf formaler Ebene entziehen. Folglich regen die Bilder eines Tableaus erst gar nicht zum Vergleich an, sondern vielmehr dazu, zwischen den Bilder zu lesen. Sie weisen den Betrachter von sich ab, von ihrer eigenen Magie, um auf das Nichts um sie herum zu verweisen. Auf die Leerstelle, die es vom Rezipienten anzufüllen gilt.

Vergleicht man diese Praktik des Kombinierens mit anderen Formen des Zusammenstellens, wird der veränderliche Status des Einzelbildes sichtbar.
Entsprechend ließen sich suggestive Bildpaare zu Diptychen zusammenstellen. Diese Form der Konstellation bindet die Einzelbilder aneinander, die sich einer übergeordneten Narration verpflichten. Die Bedeutung, die das Bildpaar erzeugt, hat ohne dieses wiederum keinen Bestand. Bilder und Bedeutung sind unmittelbar miteinender verknüpft. Sie bilden eine gemeinsame Einheit.

dyptichon

Links: Keegan Grandbois: Untitled – 2014; rechts: Aso Mohammadi

 

Ebenso wäre es möglich, ähnliche Bildmotive in einer Art Sammlung zusammenzustellen. In diesem Fall, stellen Bilder Exemplare eines Bedeutungszusammenhangs dar. Sie ordnen sich der Motivsammlung unter und bleiben dabei austauschbar. Sie dienen einer höheren Einheit.

hand

Von links nach recht, oben nach unten: Albert Grondahl: no title – Marseille, 2013; Katarzyna Parejko: ROSE – Lodz, Poland, 2014; Eva Maria Großmann: 0813062 – Heidelberg, 2013; Denis Kozerawski: Bratislava, 2013; Nina Röder: hand mit ast – Boston, 2012; Malte Ludwigs: #0175 – Im Flugzeug irgendwo über Asien oder Europa, 2012; Jeff Downer: Mom with Lilies – Vancouver, 2013; Agnieszka Gotowała: 2013; Magali Duzant: September – NY, 2013

 

Eine andere Kombinationsmöglichkeit bieten Bilder, die anhand eines ähnlichen Motivs unterschiedliche Darstellungsmöglichkeiten offenlegen. Diese bleiben als Einzelbild autonom und regen zum Vergleich an. Sie bilden keine Einheit, sondern dienen ihrer eigenen Legitimation.

vergleich

Von links nach rechts: Alexander Gehring: Vision / Tuch – Berlin, 2013; Luisa Hanika: o.T. – Trzebiatów, 2013; Ina Niehoff: Hotel NEUM – Neum, Bosnien und Herzegowina, 2013

 

Hiermit seien nur ausgewählte Kombinationstechniken benannt, in denen das Einzelbild einen jeweils unterschiedlichen Status besitzt.

Die Combinations der Ausstellung A Process widersetzen sich jedoch bloßen Motivsammlungen, ebenso wie herkömmlichen hyperimages. Sie scheinen eine Sehnsucht nach Bedeutsamkeit abzubilden, die sich unserem Ordnungs- und Interpretationszwang entzieht. Insofern läuft diese Technik aber auch Gefahr, prätentiös zu erscheinen in Angesicht eines l’art pour l’art.

Wie lässt sich nun die Magie zwischen den Bildern beschreiben? Wie lassen sich Leerstellen interpretieren, wo sie doch leer sind? Der vorangestellte Absatz sei ein Versuch einer solchen Beschreibung. Einer Beschreibung, die in Hinblick auf das Nichts, das beschrieben werden soll, nicht länger eine Beschreibung sein kann. Vielmehr muss sich die Übersetzung der visuellen Informationen in die Sprache von seiner Nähe zum Bild lösen, um Möglichkeiten und Potenziale zu erfinden und gestalten. Wenn eine Beschreibung zur Erfindung wird – und womöglich war sie dies seit jeher – offenbart sich allerdings ihr Faible für magische Kräfte als eine Suche nach dem Stein der Weisen. Einer Suche, die uns beglückt, weil sie abenteuerlich und unvorhersehbar ist.