The poets presented here contribute to the literature-part of the exhibition, curated and organized by Andreas Bülhoff
Tristan_Marquardt

Tristan Marquardt

living in Germany / Switzerland

Tristan Marquardt, born 1987 in Göttingen, currently living in Munich and Zürich. His debut “das amortisiert sich nicht“ – consisting of several volumes– was published in spring 2013 by KOOKBOOKS. Since 2009 member and co-founder of lyric COLLECTIVE G13. Since 2011 constantly writing both own texts and poems together with other poets, since 2012 part of organisational team for the reading series »MEINE DREI LYRISCHEN ICHS« in Munich. First award winner in 2013 of »Feldkircher Lyric Award« together with Tabea Xenia Magyar and Special Award Winner of Microsoft’s “Office 365 Kreativwettbewerb”.

Poems

so, dichte, befinden uns jetzt kurz vor heureka. lagebericht. vor
mir eine wanne, gefüllt mit etwas, das wie tomatensaft aussieht
und auch so schmeckt, aber ganz bestimmt nicht tomatensaft ist.
kann seit stunden keine andern mehr hören, die sagen, einmal im
leben baden wir in milch. vorsichtig versuche ich, das epizentrum
der ruhe zu bestimmen. testphase, dass ich meine empathie zum
maulkorb umbaue und dann in den spiegel schaue. schritt in die
wanne. ich bin nackt, du trägst haut. wände daneben, haltlos in
raumecken irrend, indiz für den erstkontakt? hm. einer von uns
hat den finger in die wunde gelegt und nur der finger tut weh.
haut rötet sich, rötet die milch. der andere will den einen trösten,
fühlt mit einer unbekannten größe. was-weiß-ich-wer oder wir
in der schwebe: ziemlich indifferent. keiner kriegt den mund auf.
frust, der sich in energie umwandelt, wenn die wanne sich so lang
mit schweigen auflädt, bis du rausrennst. dichte, ich bitte dich, will
ich noch rufen, triffst du auf wilde, vergiss die geschenke nicht.

über uns industrie im dateiformat: linien für den
dezember. etwas muster, die kammer, wir waren
nutzflächen und mussten uns sammeln. schnell-
ansicht: werden als kiez gehandelt, district, archi-
tekten wechseln die seite. tag für tag feiert realität
jubiläum. videos zeugen von einer langen hand: ge-
bäude, die wir vor ihrer ausbildung zum stadtmöbel
treffen. hier geht es weiter mit infos und programm.

außerhalb der karte wandten wir den blickfang
an: sahen pfade, sahen danach aus. oder jemand
war die ganze zeit in unsere kleider gezogen.
von innen her, mit mehr distanz. kam die pfade,
gebürtigen rasen entlang, trieb sein wesen. das
war die ichform der gegend. ihr klares ja zu uns.

beine wie gitter, als hätten die bäume zu gehen verlernt.
ritz in die rinde, versuch dich zu erinnern. als der häftling
seinen mund öffnete, begann die naturkunde zu schweigen:
präpariertes laub, das sich auf fassaden ausbreitete, fenster,
feinste mechanismen der luftzufuhr zu einer zoologie der
pflanzen. zellen. oder lichtungen von oben, erogene zonen
des walds, deren umsiedlung zum bleiben verführte. kaum,
dass die gewebe sich im sitzprotest befanden, begann die blatt-
werdung der äußeren schichten: haut der gebäude, häutung,
gezähmtes grün, zog sich fell über, wärmte fortan. schutz ums
schmerzgedächtnis. narben schlossen den geöffneten bereich.